„Flugzeuge zur Landung gezwungen“ Liste aller Vorkommnisse

Der Fall der gelandeten Maschine der Rayanair in Minsk die letzten Tage schlägt hohe Wellen. Immer wieder werden vergleiche mit anderen zur Landung gezwungener Flugzeuge laut. Das Ganze hat zwar recht wenig mit VPN Anbietern oder Privatsphäre zu tun, es zeigt aber auch, wie stark die internationale Überwachung bereits geht, denn viele dieser Passagiere wurden aufgrund von Flugdaten Übermittlungen erst anderen Staaten bekannt gemacht. Wir haben hierzu einen Artikel verfasst: EU-Flugdaten werden illegal mit USA geteilt.

Zur Landung gezwungen Liste aller Vorkomnisse
Zur Landung gezwungen Liste

Ohne eigene Bewertung was die Behörden in Belarus nun veranstaltet haben möchte ich ein paar Fälle der letzten Jahre aufzeigen.

Erzwungene Fluglandungen der vergangenen Jahre

  1. 1956

    Im Oktober 1956 zwangen französische Jagdmaschinen ein Flugzeug auf dem Weg von Marokko nach Tunesien, in Algerien zu landen. Fünf Führungsfiguren der algerischen Unabhängigkeitsbewegung wurden verhaftet – darunter Algeriens künftiger Präsident Ahmed Ben Bella. Sie planten, in Tunesien an einer Konferenz zur Zukunft der Region Maghreb teilzunehmen.

  2. 1985

    Im Jahr 1985 zwangen US-Kampfflugzeuge eine ägyptische Passagiermaschine unterwegs von Ägypten nach Tunesien zur Landung auf einem US-Luftwaffenstützpunkt in Italien. Vier mutmaßliche Mitglieder der Front zur Befreiung Palästinas, der Entführung des italienischen Kreuzfahrtschiffs Achille Lauro verdächtigt, wurden festgenommen und in Italien zu langen Haftstrafen verurteilt.

  3. 2004

    Am 5. Januar 2004 wurde das Privatflugzeug von Andrei Wavilov – einem ehemaligen stellvertretenden Finanzminister Russlands und dann Mitglied des Rates der Russischen Föderation – gewaltsam auf dem Flughafen Palm Beach in den USA gelandet. Dies wurde vom Bezirksstaatsanwalt von Nordkalifornien angeordnet. Nachdem die amerikanischen Sicherheitsbehörden vier Stunden lang Wawilow und seine Frau wegen des damaligen ukrainischen Premierministers Pavel Lazarenko verhört hatten, ließen sie sie frei. Sie mussten sich jedoch bereit erklären, gegebenenfalls weitere Zeugen im Skigebiet Aspen (ihrem Flugziel) zu befragen. Am 20. Januar desselben Jahres kehrte das Paar nach Russland zurück. Die ursprünglich geplante Flugroute ist Moskau-Barbados-Aspen.

  4. 2010

    Im Jahr 2010 wurde nach den Angaben Irans durch Jagdflugzeuge der iranischen Luftwaffe ein Passagierflugzeug zur Landung gezwungen und Abdolmalek Rigi, mutmaßlich Leiter der sunnitischen Extremistengruppierung Dschundollah, festgenommen. Start- und Zielort des Fluges waren nach Angaben der BBC nicht genau zu ermitteln; Rigi soll allem Anschein nach von Dubai nach Kirgisistan unterwegs gewesen sein.

  5. 2010

    Im selben Jahr 2010 wurde ein Flug von Paris nach Mexico-Stadt aus dem US-Luftraum zum Flughafen im kanadischen Montreal umgeleitet, dort wurde dann ein Fluggast, der auf der US-Flugverbotsliste stand, festgenommen.

  6. 2012

    Im Oktober 2012 zwangen türkische Kampfflugzeuge eine syrische Passagiermaschine auf deren Flug aus Moskau nach Damaskus, unplanmäßig auf dem Flughafen Ankara-Esenboğa zwischenzulanden. Nach einer Durchsuchung erklärten türkische Behörden, „illegale Materialien“ an Bord vorgefunden zu haben. In dieser Zeit war der Konflikt in Syrien bereits entbrannt – auch zwischen Syrien und der Türkei gab es Scharmützel und gegenseitigen Artilleriebeschuss über die gemeinsame Grenze hinweg. Ein Aufschrei im Westen blieb allerdings aus: Die Regierungen der NATO-Staaten – damals von der Idee eines „Regimewechsels“ in Syrien hellauf begeistert – priorisierten ihre „Solidarität“ mit der Türkei zulasten der internationalen Regeln der Zivilluftfahrt.

  7. 2013

    2013 wurde der Luftraum für eine Maschine des Bolivianischen Präsidenten Morales aufgrund eingestellter plötzlicher Überflug-Genehmigunen, durch Frankreich, Spanien, Portugal und Italien zur Landung in Wien gezwungen.  Die drei erstgenannten Staaten verweigerten der Präsidentenmaschine die Überflug-Genehmigung, sodass die Besatzung mangels Treibstoff für Alternativrouten notgedrungen in Wien landen musste. Dort wurde das Flugzeug schließlich – gemäß dem offenkundigen Zweck der ganzen Aktion – nach dem US-Whistleblower Edward Snowden durchsucht, den die USA wegen Gerüchten um dessen mögliches bolivianisches Asyl fälschlicherweise an Bord vermuteten. Dies muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die USA samt ihrer Verbündeten nahmen ein Todesrisiko der Insassen einer Zivilmaschine – einer davon war sage und schreibe ein amtierendes Staatsoberhaupt – in Kauf, weil sich, wenn auch nur theoretisch, die Möglichkeit bot, einen Whistleblower festzunehmen.

Zusammenhang mit globaler Überwachung

Inwieweit die moralische Ehrlichkeit des Westens im Allgemeinen und der USA im Besonderen in solchen Fragen besteht, ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Snowden die US-Behörden aufgrund der Offenlegung von Informationen darauf aufmerksam gemacht hat – Immerhin handelte es sich um ein illegales, aber globales Überwachungsnetzwerk, das die Nationale Sicherheitsagentur mit Hilfe anderer engster Verbündeter wie Australien und Großbritannien eingerichtet hatte.

Der Vergleich von Snowden mit Protassevich, der in Minsk festgenommen wurde, wie angemessen und lohnenswert er auch sein mag, wäre an dieser Stelle ein weitreichender Exkurs. Trotzdem steht es dem Leser natürlich frei, solche Vergleiche fortzusetzen.


Erstellt am:28. Mai 2021

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